Absperrgitter: mit oder ohne?

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Absperrgitter / Demeter / Säubern
Imkern in Berlin, Absperrgitter, Demeter imkern

Am 10. April brach der Vorsommer über unserer Hauptstadt aus, bei luftigen 25 Grad Celsius. Es sollte so weitergehen bis uns heute, drei Tage später, deutlich niedrigere Temperaturen, Aprilregen und ein kleines Gewitter beschert wurden.

Seit ich mich mit dem Imkern beschäftige und durch die Routinen der Bienen und des Handwerkes eng an den Naturkreislauf, seine Phänomene und seine Gesetzmäßigkeiten angebunden bin, hat das Wetter eine neue Bedeutung für mich gewonnen.

Imkern abhängig von Sonne, Wind und Wärme

Interessiert man sich als Stadtmensch für Sonne, Regen oder Schnee meist nur rudimentär und mit Blick auf die adäquate Bekleidung, den gelingenden Sonntagsausflug oder den Regenschirm, den man hoffentlich nicht schon wieder zu Hause vergessen hat, ändert sich das, wenn man vom ersten Frühlingstag bis in den Spätsommer mit dem Bien zu Gange ist.

Bestimmte imkerliche Tätigkeiten können nur an warmen, regenfreien Tagen erfolgen. Andere Arbeiten lassen sich getrost auf die Winterzeit und in die Werkstatt verschieben. Zu bestimmten Zeiten drängt sich das Imkern aufgrund der Wetterlage massiv in den Vordergrund des Alltages, wenn etwa nur an dem einen Wochenende Sonne und Trockenheit vorausgesagt werden und dieses dementsprechend zur einzigen Gelegenheit für die Honigernte wird. Alles andere muss dann warten.

Die Bienen wiederum fliegen, sammeln Nektar und lagern Vorräte ein orientiert an den Sonnenstrahlen und den Wärmegraden eines Tages, welche wiederum die Blüten der Bäume, Büsche und Blumen öffnen und den Nektar fließen lassen.

So lebe ich als Imkerin mit Blick auf die unzuverläßigen Wettervorhersagen und nach oben in den Himmel, lote aus, wann am Besten wieder am Bienenstand zu arbeiten wäre und wieviel Spielraum mir die Sonnenstunden und Tage noch lassen.

Was du heute kannst besorgen…

Dabei habe ich gelernt, nach dem Motto „was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“ zu verfahren.  Wie oft bewahrheiten sich Wettervorhersagen nicht! Während ich träge die Sonnentage am See oder mit dem wunderbarsten Drohn aller Drohnen in der Sandkiste im guten Glauben eines vorhergesagten Dauersommers verbrachte, anstatt am Bienenstand das Notwendige zu verrichten, ließen mich dann unerwartete Regengüsse und spontane Kältetage in den imkerlichen Panikmodus verfallen. Und ich bereute die nicht genutzten Imkertage, gelobte Besserung und schwur der Vernachlässigung der Bienen, des Imkerns und der Aufschieberitis ab, für immer.

Über mir schweben noch dazu bedrohlich urplötzliche Kinderkrankheiten, die uns über Nacht befallen können, und die mich aufgrund meiner alleinerziehenden Lage tagelang an die Wohnung fesseln können. Unerreichbar dann die Bienen draussen am Stand, die machen, was sie wollen, während ihr Honig über die Ränder der Zargen quillt. Eine üble Vorstellung.

Achtsames Messen und Notieren

Ich habe langjährige Imker kennengelernt, alte Herren, die sorgfältig über Jahre hinweg, tagein und tagaus, Temperaturen messen, Luftdruck und Luftfeuchtigkeit noch dazu, und alles sorgsam notieren. So ziehen sie Rückschlüsse aus den klimatischen Bedingungen und Wetterumständen im Zusammenhang mit der Entwicklung ihrer Bienenvölker und deren Honigproduktion. Solch Sorgfältigkeit und Ausdauer beeindruckt mich und rührt mich auf gewisse Weise an.

Es ist ein Moment, in dem der Mensch sich ebenfalls wieder den naturgegebenen Umständen unterordnet, ihre Macht anerkennt und sich selbst und seinem Tun ein bescheidenes Plätzchen im Gefüge der Naturgewalten einräumt. Es ist eine Geste des Respekts und eine wertschätzende, achtsame Routine.

Absperrgitter: Künstliche Grenze im Organismus

Mich trieb es also am wunderbar warmen Wochenanfang hurtig zu den Bienen, um eine Grundreinigung meiner drei Absperrgitter vorzunehmen.

In Berlin kann man im April mit dem Beginn der ersten Tracht (=Angebot an Nektar, Pollen und Honigtau zu einem bestimmten Zeitpunkt) rechnen: die Frühjahrsblüte. Das bedeutet, in der zweiten Hälfte des Monates wird es Zeit, ein Absperrgitter zwischen Brutraum und erstem Honigraum einzuschieben. Sofern man denn eines verwendet. Denn, um es vorweg zu nehmen, laut Demeter-Richtlinien und nach der Idee des bienengemäßen Imkerns ist das Absperrgitter tabu: „Absperrgitter als systematischer Bestandteil der Betriebsweise sind nicht erlaubt.“

Das Absperrgitter zwischen Brut- und Honigraum dient der Trennung dieser beiden Bereiche und als Barriere für ihre königliche Hoheit. Der Königin, mit ihrem langem Körper und dem großem Hinterleib, gelingt es nicht, sich durch die schmalen Schlitze des Gitters zu zwängen (auch die dicken Drohnen schaffen es nicht). So verbleibt sie unten in der Brutkiste und kann nur dort ihre Eier in die Wabenzellen setzen. Oben bleiben die Waben ausschließlich für den Honig reserviert. Lediglich die Arbeiterinnen können durch die Öffnungen des Gitters in die Honigräume vordringen und dort der Honigproduktion nachgehen.

Das große ganze Wachsgebilde versus Brut- und Honigraum

Da die Hürde von Imkerhand erschaffen und somit künstlich ist, schränkt sie das Stiften (=Eiablage der Königin) und den natürlichen Brutraum der Weisel ein. Wäre der Raum nach oben offen, zöge die Königin ihre Eiablagekreise hoch und auf den Honigwaben befände sich nicht nur Honig, sondern zumindest  auch ein kleiner oberer Teil ihres Brutnestes.

Das Gitter (aus Metall oder Plastik) trennt den einen Organismus – das große ganze Wachsgebilde, das die Bienen bauen – in zwei Einheiten. Selbstverständlich ist dies nicht wesensgemäß. Während wir Imker vom Brutraum und vom Honigraum reden, redet der Bien, so vermute ich, von seinem einem Nest. Seinem Wabenzuhause, das sein Universum ist, und im natürlichen Zustand grenzen- und absperrgitterlos. Wo das Brutnest großzügig von Honigrändern umgeben ist und die Larvenzellenflecken in die Futterstellen übergehen. Wo sich Weisel, Drohnen und Arbeiterinnen gleichermaßen über alle Zellen bewegen dürfen.

Vorteile der künstlichen Trennung

Bei dem Gedanken, ohne Absperrgitter zu imkern, stellt sich mir der Imkerhut hoch und alle Nackenhaare auf. Und auch dies nehme ich vorweg: Soweit wird es sicher nicht kommen! Es scheint mir, dass mein Übertritt in die bienengemäße Imkerei am Einsatz meines Absperrgitters scheitern wird.

Die Vorteile eines Absperrgitters für den Imker liegen auf der Hand und auch Günter Friedmann, Demeter-Imker und Verfasser des Handbuches, dem ich folge, erkennt diese an und beschreibt sie in seinem Buch.

Verweigert man der Königin Zutritt in den Bereich ihres Bienenstockes, der aus den vom Imker aufgesetzten Honigräumen besteht, kann der Honig ohne die Spuren eines Brutnestes, die durchaus auch aus Brutrückständen, Larvenkot und Verpuppungsmaterial bestehen, abgeerntet werden.  Das finde ich persönlich eine hygienische und daher beruhigende Vorstellung.

Bleiben die Honigwaben unbebrütet ergeben sich keine Wachsmottenproblematiken im Herbst und Winter (Wachsmotten bevölkern lediglich Brutwaben). Die Einlagerung der leeren Honigwaben fürs nächste Jahr gestaltet sich ungleich einfacher und ohne, dass sie mit Essigsäure besprüht werden müssten, um sie vor den Zudringlichkeiten und Nestern der Motten zu schützen. Der ätzende Geruch der Essigsäure verbleibt leider in den Honigresten der Waben und im Frühjahr müssen die Arbeiterinnen solche Honigwaben aufwendig putzen, um sie für sich wieder nutzbar zu machen.

Auch die Bienenfluchten, die ich zu Erntezeiten gerne einsetze (dazu später mehr), sind so richtig effektiv nur mit dem Absperrgitter. Denn setze ich Bienenfluchten ein, um die Bienen vom Honigbereich oben in den Brutbereich unten zu dirigieren und den Honigbereich so über Nacht bienenfrei zu bekommen, funktioniert dies natürlich nur gut, weil die Bienen gewillt sind, sich in die Nähe der Königin zu begeben. Die dank eines Absperrgitters unten im Brutraum ist. Befinden sich im Honigbereich jedoch noch Brut oder gar die Königin selbst, da ohne Absperrgitter geimkert wurde, ist es unmöglich, die Bienen in einen anderen Teil der Beute zu locken.

Damit kann man sich als Imker auf lästiges und für Mensch und Tier stressiges Abkehren der Honigwaben zu Erntezeiten einstellen, das etliche negative Nebeneffekte hat. Man läuft Gefahr, die Königin bei der Honigernte zu verletzen, sie vielleicht versehentlich abzukehren oder Brutnester zu zerstören. Mit den frechen Drohnen, die ebenfalls im Honigraum umhergeistern, da kein Absperrgitter sie fern hielt, muss man sich zudem bei der Ernte herumschlagen. Zu guter Letzt weiß man nicht was tun mit den bebrüteten Honigwaben von oben. Alles in allem eine komplizierte, gefahrenreiche und für mich ganz unwillkommene Situation.

Absperrgitter: mit!

Ich bleibe bei meinem Absperrgitter, zumindest vorerst, und hoffe auf Erneuerung der Demeter-Richtlinien. Diese gewähren zu Zeiten der Umstellung auf die Demeter-Imkerei die Benutzung des Gitters, immerhin.

Somit atmete ich auf und säuberte meine teilweise stark verkitteten Absperrgitter gründlich und in zen-mäßiger Gelassenheit. Dabei half mir ein spezieller Reinigungskratzer für die Gitter, mit dessen Hilfe sich Wachs und Propolis ganz leicht von den Metallstreben ablösen ließen.

Zwischen den Kratz- und Reinigungsarbeiten schauten ein älterer Herr mit Wiener Dialekt und seine fünf oder sechs Jahre alte Enkelin vorbei. Er wäre im „Opa-Einsatz“, so erklärte der überaus höfliche und nicht stören wollende Großvater. Das Mädchen sei auf der Suche nach Blumen. Ich wies ihnen den Weg zu den Blausternchen-Feldern im hinteren Teil des Geländes.

Mit einem rosa Köfferchen in der Hand und dicken Brillengläsern vor den Augen ließ sich das Enkelkind von seinem Opa an der Hand führen. Etwas Zartes umgab die beiden. Viel zu zerbrechlich und verletzbar erschien das Leben plötzlich: Das Band zwischen zwei Menschen, die Blausterne blühend unter den Bäumen für eine nur kurze Zeit und ein Bienenvolk hier und heute, unter schwierigen und oft wenig förderlichen Bedingungen.

Die erste Honigernte des Jahres liegt in Reichweite. So schreiten wir mit den Vorbereitungen voran, meine Bienen und ich, um die goldene Köstlichkeit herzustellen und sowohl Bien als auch Mensch verfügbar zu machen.

Der Autor

Ich bin Hobbyimkerin seit 2015. Meine Bienenvölker stehen in Berlin-Mitte, drei an der Zahl. Ab 2018 beschreite ich freudig und gespannt den Weg des bienengemäßen Imkerns.

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