Ein bienengemäßer Standort für den Bien – was ist das?

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Demeter / Imkern auf dem Land / Insektensterben / Standort / Tracht
bienengemäßer Standort in Berlin, bienengemäß imkern in Berlin

Am 3. Mai rappelten sich die Temperaturen auf. 20 Grad Celsius versprachen den Beginn einer nun hoffentlich anhaltenden warmen Sommerphase. Ohne Aprilwettereinlagen. Ohne die kühlen Momente, wenn sich die Sonne für einen Augenblick hinter einer hellgrauen Wolke am Himmel verbirgt. Man hofft stattdessen auf ein erweitertes, umfassendes Aufwärmen der Luft, in dem sich alles ausbreiten und entspannen kann, was Stengel und Äste, Fühler und Flügel oder Arme und Beine hat.

Imkerassistent mit Stockmeisel am Bienenstand, imkern in BerlinAusgestattet mit kleinem Stockmeisel und großem Besen machte sich der lieblichste Drohn am Bienenstand nützlich. Er weiß, dass unser Honig aus Nektar entsteht. Dass die Bienen Nektar aus Blüten trinken, mit einem Rüssel, der lang ist. Auch der Frosch hat eine lange Zunge. Aber nicht wir. Oh nein. Nur die Biene und der Frosch haben laaaange Zungen.

Blick ins Volk

Gespannt öffneten der kleine Imkerassistent und ich die Honigräume unserer beiden starken Völker. Wir erwarteten Zellen voller Nektar und sich gerade in Honig verwandelnde flüssige Köstlichkeit. Volle Waben jedenfalls und im Geiste setzten wir flugs schon den zweiten Honigraum auf unser vitales Volk und die Alteingesessenen.

Doch nichts dergleichen. Im Volk der Alteingesessenen erstiegen die ersten Honigbienchen vorsichtig das noch unbekannte Gelände des ersten Honigraumes. Im Honigraum unseres brummenden, vitalen Volkes waren immerhin drei von zehn Honigwaben voll besetzt und die Honigproduktion auf und in ihnen in vollem Gange.

Schleppendes Nektarsammeln, leere Honigräume

Wie so oft sorgen unsere Bienen für Verwunderung und Überraschungen. War ich noch vor einigen Tagen der Meinung, dass ich den ersten Honigraum zu früh aufgesetzt hatte, wurde ich nun eines anderen belehrt. Von Berliner Imkerkolleginnen hörte ich, das an deren Bienenständen schon fleißig eingetragen und der zweite Honigraum aufgesetzt worden war. Warum also das zögerliche Erklimmen des Honigraumes und das schleppende Einlagern des Nektars bei unseren Völkern?

Vielleicht investieren unsere Völker dieses Jahr tatsächlich einen beträchtlichen Teil ihrer Energie und Arbeitskräfte in den Naturwabenbau, den ich ihnen antrage. Energie und Arbeitskraft, die daher dem Sammeln und der Honigerstellung verloren geht. Vielleicht landet ein Teil der Nektarausbeute unten in den Brutraum- statt oben in den immer noch gähnend leeren Honigwaben, weil ich den Brutraum nicht radikal einengte.

Idyllischer Standort. Idealer Standort?

Vielleicht ist es aber auch unser Standort, dieser wundersame Lieblingsstandort, den ich gegen keinen anderen in Berlin eintauschen möchte. Der idyllisch ist und eine stille Oase im Berliner Stadtleben. Der mir für meine Bienenvölker zufiel, ganz leicht und ohne Aufhebens. Der mich an die Endlichkeit der eigenen Zeit und die Kostbarkeit unserer Tage erinnert.Parkbank mit Aufschrift, bienengemäß imkern in Berlin

Die versteckte Ecke dieses verwunschenen Standortes also, in der unsere Bienenvölker platziert sind und die schattig ist und vielleicht sogar feucht: Ist sie es, die verantwortlich ist für die verspätete Sammeltätigkeit unserer Bienen? Führen ihre zuweilen unterkühlten Temperaturen zu einer Belastung des fragilen Wärmehaushaltes in den Völkern, der sodann mit hohem Energieaufwand reguliert werden muss? Energie, die dem Nektareintrag abhanden kommt?

Kältewalze, Kuppelkreuz und ein Ort, den man liebt

Herr M., der ehrenamtliche Meister-Gärtner meines Standortes, erklärte vor Monaten, wie sich kühle Luft in der Allee, die von der Bienenecke zur Kapelle führt, stauen und so eine Art wabernden Kältefluss erzeugen würde, der dann zwischen den Bäumen hinge und auf den Wiesen läge.

Ausführlich, mit Details zur Entstehung dieses Kälteflusses, seinen Auswirkungen auf Flora und Fauna, den kürzlich eingetretenen Veränderungen diesbezüglich aufgrund eines hohen Wohnareales, das an einer der Begrenzungen unseres Standortes aufgezogen wurde, entfaltete Herr M. einen tiefen Einblick in das faszinierende Ökosystem einer überschaubaren Fläche mitten in der Stadt, mit all seinen Abhängigkeiten und Ursache-Wirkung-Verkettungen.

Kuppelkreuz des Berliner Doms, bienengemäß imkern in BerlinAuch wegen Herrn M., der mit seiner Freiluftgärtnerei der direkte Nachbar unseres Bienenstandes ist, schätze ich unseren Standort über alle Maßen. Es sind Herrn M.s liebevolle gärtnerische Handgriffe und die  Eigentümlichkeiten und geschichtsträchtigen Spuren an einem historischen Ort, welche die blühende Oase mit dem goldenen Kuppelkreuz in der Mitte eines Wiesenbiotopes zu etwas Besonderem machen.

Trotz scheinbarer Kältewalzen und ein wenig zu viel Schatten in den Morgenstunden gäbe ich unseren Bienenstandort nicht auf. „Wo man sich selbst wohlfühlt, fühlen sich auch die Bienen wohl.“ (Gerstmeier/Miltenberger). Ich vertraue darauf, dass unsere Völker im Verlauf der nächsten Tage und Wochen mit der Honigerzeugung aufholen werden. So wie die beiden Jahre zuvor.

Bienengemäßer Standort laut Richtlinien

Was aber ist ein idealer, bienengemäßer Standort für ein Bienenvolk?

Die Demeter-Richtlinien geben Folgendes vor:

„Bei der Aufstellung der Bienenvölker sind biologisch-dynamisch bewirtschaftete Flächen, ökologisch bewirtschaftete und naturbelassene Flächen zu bevorzugen.

Es dürfen an einem Standort nur so viele Bienenvölker aufgestellt werden, dass die Versorgung eines jeden Volkes mit Pollen und Nektar gewährleistet ist.

Bei der Auswahl der Standorte für die Bienenvölker ist mit besonderer Sorgfalt darauf zu achten, dass Belastungen der Bienenerzeugnisse aus der Umwelt vermieden werden. Besteht der Verdacht hoher Belastungen durch die Umwelt, sind die Bienenprodukte zu untersuchen. Bei Bestätigung des Verdachtes ist der Standort aufzugeben“.

Berliner Blühen und Trachtverhältnisse

In Berlin können wir Imker und Bienenvölker uns über einen Mangel an Blütenpracht und Tracht kaum beschweren. Berlin ist eine grüne und eine blühende Stadt. Viele Parks und Friedhöfe, Schrebergartenanlagen, noch unbebaute und daher verwilderte und blühende Flächen inmitten der Stadt und dazu der Wald an unseren Stadträndern versorgen die Berliner Bienenvölker mit ausreichend Nektar- und Pollenquellen.

Dabei ist die Baumtracht das wichtigste Nahrungsangebot für die Bienen in Berlin. Sie bedienen sich ab Mitte oder Ende Mai am Nektar der weißen, in Rispen hängenden Blüten der Robinie und ab Hochsommer an den Berliner Sommer- und Winterlinden. Wer seine Völker in Berlin hält, braucht generell nicht zu fürchten, dass sie Hunger leiden.

Blütenarme Landstriche und Insektenschwund

Anders sieht es dagegen in vielen Regionen Deutschlands aus und ganz besonders auf dem Land. Die „Produktionsweise“ unserer Landwirtschaft verwandelte trachtreiche Orte mit Nektar- und Pollenangeboten für Honig- und Wildbienen, für Schmetterlinge und zahlreiche andere Insektenarten in öde Landstriche. Dort gibt es für Insekten keine Nahrungsquellen mehr.Steintrog auf dem Friedhof des Berliner Dom, bienengemäß imkern in Berlin

Neonicotinoide und andere Insektizide, Herbizide – unter ihnen das Breitbandherbizid Glyphosat – , Silagebewirtschaftung und die Bebauung von Ackerflächen mit Pflanzen für die Biogasproduktion, die keinen Nektar und nur minderwertigem Pollen haben (wie Mais, der auf 30% der deutschen Ackerflächen wächst), der Einsatz von Maschinen, die binnen Minuten überlebensnotwendige Trachtflächen und Tausende von Insekten niedermähen: All diese Einsatzmittel und Techniken führten zur Blütenverarmung unserer Landschaften und zu einem fortgeschrittenen Insektensterben in Deutschland.

Wissenschaftlich nachgewiesen ist ein Insektenrückgang in Deutschland um über 75% seit 1989.

Kaum vorhandene Ökofläche in Deutschland

Während die Bienenhaltung früher ein integraler Bestandteil mancher Bauernhöfe war, besteht heute, wie Friedmann bemerkt „ein echter Interessensgegensatz“ zwischen Imkerei und Landwirtschaft:

„Das ist umso tragischer, weil eigentlich beide zusammengehören. Die Ernährungskrise der Bienen lässt sich nur mit Unterstützung der Landwirte lösen, und die drohende Bestäubungskrise können die Landwirte nur gemeinsam mit den Imkern vermeiden“.

Günter Friedmann

Nur 6% der landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland ist Ökofläche, schreibt Friedmann. Und meint, dass bei einer restriktiveren Formulierung der oben zitierten Demeter-Richtlinien keine ökologische Imkerei in Deutschland möglich wäre. 

Stadtimkerei als Ausweg aus der Krise?

Als Stadtimkerin – noch dazu in der Hauptstadt, wo man gut dreimal im Jahr Honig ernten kann – vergißt man schnell, wie erschreckend trostlos es für die Bienen auf dem Land geworden ist. Und wie dort ein Überleben ohne Zufütterung durch den Imker, selbst im Sommer zu einst trachtreichen Zeiten, oft nicht mehr möglich ist.

Urban beekeeping hat das Imkern auf dem Dorf in Deutschland abgelöst. So wunderbar ich die Entwicklung der Stadtimkerei für mich persönlich als Stadtmensch finde, so unfassbar traurig  und – ich gebe zu – auch hoffnungslos macht es mich, wenn ich mir die oben erläuterte Realität vor Augen führe.

Es bräuchte eine agrarpolitische Revolution und wir alle ein komplett anderes Konsumverhalten und Verständnis von Ökologie, um einen Wandel einzuleiten. Ist dies eine völlig unrealistische Vorstellung und nur in Träumen möglich? Oder wird der kleine Imkerassistent in einigen Jahrzehnten noch Bienen halten können, vielleicht sogar wieder auf dem Land und nicht nur in Berlin?

Unterm Götterbaum, umringt von Linden

Kleiner Imkerassistent in blühender Wiese, imkern in BerlinVom Blühaspekt her ist mein Standort ideal. Unter einem Götterbaum, umringt von Linden und inmitten vieler, das ganze Jahr blühender Blumeninseln stehen meine drei Beuten. In unmittelbarer Reichweite, aber auch weit über den Flugradius meiner Bienen hinaus (der idealerweise Trachtquellen im Umkreis von 800 bis 2000 Meter beinhaltet, sich zur Not aber auch bis zu 10 Kilometer vom Bienenstand entfernt erstrecken kann) gibt es das Berliner Baumangebot.

Manche langjährigen Berliner Imker sagen, dass durch den imkerlichen Nachwuchs und Zuwachs der letzten Jahre die Honigernten in Berlin für den einzelnen Imker zurückgingen. Trotzdem ist immer noch genug für alle da. Imkerassistent packt Gerätschaften ein, bienengemäß imkern in Berlin

Unsere Bienen klammerten sich beim Abschied an die bemoosten Wände der Steintröge, die ihnen als Wasserquelle dienen und großzügig über unseren Standort verteilt sind. Aus dem feuchten Moos können sie leicht Wasser aufnehmen und nach Hause in ihren Bienenstock tragen. Der kleine Imkerassistent und ich packten unsere Gerätschaften ein und kehrten heim von unserem Erholungsort und dem schönsten Bienenstand Berlins.

Der Autor

Ich bin Hobbyimkerin seit 2015. Meine Bienenvölker stehen in Berlin-Mitte, drei an der Zahl. Ab 2018 beschreite ich freudig und gespannt den Weg des bienengemäßen Imkerns.

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