Wachs – Seele des Honigs, Geist der Blumen

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Naturwaben / Wabenbau / Wachs
Wachs, Naturwabenbau, bienengemäß imkern in Berlin

Eine Woche Aprilwetter liegt hinter uns, gefolgt von einem sonnigen, verlängerten Wochenende hin in den Monat Mai. Es waren Tage der auf- und absteigenden Temperaturen, nachts als auch tags. Fröstelige Momente und heiterer Sonnenschein wechselten sich ab, Regen, stürmische Böen und Hagel waren inbegriffen.

Wir sind im Monat Mai angekommen. Verteilt über ganz Berlin sind Kirschbaumstraßen, deren Bäume zartrosa Blütenblätter verschwenderisch über Gehsteige und in den Rinnstein werfen. Im Wind wiegen sich die Blütenteppiche zwischen den parkenden Autos auf der Straße hin und her wie Zaubermaterial, fein und leicht. Die blühenden Kastanien in Hinterhöfen und auf Spielplätzen strotzen mit ihren stolzen, weißen Kerzengebilden in den Frühling. Im Botanischen Volkspark am Rande der Stadt, in den Gärten und auf städtischen Wiesen blühten bis vor wenigen Stunden noch die Apfelbäume, deren zartweiße Blüten knorrige, dunkle Äste betupften. Das frische Grün der Wiesen wird durchbrochen von Löwenzahn und den kleinen Gesichtern der Gänseblümchen. In einem Vorgarten entdecken wir gelbe, nickende Schlüsselblumen. Sogar das Zitronenbäumchen im Gewächshaus findet sich ein in den verschwenderischen Farb- und Duftreigen und seine sternförmige, ledrige Blüte erinnert an Jasmin.

Blick ins Volk

Es ist die Zeit des ersten Honigraumes. Dieses Jahr setzte ich den ersten Honigraum mit sicherlich einer Woche Verspätung auf mein vitales Volk und auf die Alteingesessenen. Die Barbies sollen sich aufpäppeln und bekommen fürs erste keinen Auftrag, für uns Menschen Nektar zu sammeln und Honig zu produzieren – also auch keinen Honigraum. Was sie eintragen, mag ausschließlich ihnen gehören.

Voreilige Honigräume auf den Völkern

Honigräume, Dadant, bienengemäß imkernIn den vergangenen zwei Jahren stellte ich den ersten Honigraum des Jahres regelmäßig zu früh auf die Beuten. Ich hatte mich, was Temperaturen, Kälteeinbrüche und den Nektarfluss der Blüten anbelangte, immer wieder verschätzt. Jedes Mal lungerten die Honigräume für zirka zwei Wochen unbenutzt und bienenleer über den Brutraumzargen. Wie ungünstig, denn die Bienen müssen dann ihren Wärmehaushalt anpassen und den zusätzlichen leeren (Honig)Raum über ihren „Köpfen“ und über dem Brutnest mitheizen, ohne dass er einen Sinn und Zweck erfüllt.

Als Imkerin ärgert man sich zusätzlich ein wenig über sich selbst, ob der eigenen fehlenden Kenntnisse, was Wind und Wetter, Blüten- und Trachtverhalten und deren Auswirkungen auf die Sammeltätigkeit der Arbeiterinnenbienen betrifft.

Dieses Jahr wollte ich also nicht wieder voreilig sein. Da die Maximierung meiner Honigernte als bienengemäße Hobbyimkerin nicht das vorherrschende Ziel meines Bienenstandes ist, sind die Nektareinträge einiger Tage im Brut- statt im Honigraum für mich verschmerzbar.

Verlorener Zauber, verschwundene Kostbarkeit

Während die älteren Arbeiterinnen ausfliegen, um Nektar, Pollen, Kittharz und Wasser in den Stock zu tragen, sind die jüngeren mit Putz-und Brutpflegearbeiten im Inneren des Stockes beschäftigt. Nur zwei bis vier Tage im Leben einer Biene sind dem Bau ihrer Waben gewidmet.

In ihrem schönen und übersichtlichen Buch „Ökologische Bienenhaltung“ stellen David Gerstmeier und Tobias Miltenberger fest, dass lediglich zwei Prozent der Bienenvölker im deutschsprachigen Raum Naturwaben im Brutraum bauen. Waben also aus ausschließlich körpereigenem Wachs der Bienen eines Volkes. Wachs, von dem Maeterlinck schreibt:

„Das Wachs ist im Augenblick seiner Entstehung anders als in dem allbekannten Zustand, in dem wir es finden; es ist fleckenlos und leicht wie Luft; es scheint wirklich die Seele des Honigs zu sein, der seinerseits wieder der Geist der Blumen ist, und wird durch eine regungslose Beschwörung hervorgezaubert, um späterhin in unseren Händen, gewiss im Andenken an seinen Ursprung, in dem so viel Himmelsbläue, so viel keuscher und Segen spendender Wohlgeruch liegt, zur duftenden Kerze unserer Totenbahre zu werden.“

Heute ist Wachs keine Kostbarkeit mehr. Kerzen sind im Überfluss in unseren Supermärkten und Drogerie-Ketten im Angebot. In allen Formen und Farben häufen sich Kerzenberge auf den Verkaufstischen – zumal zur Weihnachtszeit. Die meisten Kerzen werden aus Stearin und Paraffin hergestellt. Diejenigen aus reinem, guten Bienenwachs ohne Rückstände sind selten geworden.

Kleine Glühbirnen bringen die Laternen unserer Kinder im November zum Leuchten. Christbaumkerzen wurden abgelöst durch elektrische Lichterketten an Tannenzweige montiert.  Und so ist uns der Zauber einer Kerze aus Bienenwachs abhanden gekommen. Seine Feinheit und sein Wert sind uns nicht mehr bekannt.

Wachs-und Wabenarbeiten

Wie aber entsteht Wachs, das einstmals vor allem in Kirchen und Klöstern seine lichtspendende und sakrale Eigenschaft verbreitete? Und wie bauen die Bienen ihre Waben, wenn ihnen keine Mittelwände in die Rähmchen gegeben werden?

Wachs, Naturwabenbau, bienengemäß imkern in BerlinZwischen ihrem 12. und 18. Lebenstag sind die acht Wachsdrüsen am Hinterleib der Biene (vier auf jeder Seite ihres Köpers) voll ausgebildet. Aus ihnen schwitzt sie hauchdünne, feine Wachsblättchen, die an Hautschuppen erinnern. Von hinten reicht sie diese mit ihren Hinterbeinen zu den Mundwerkzeugen. Sie knetet das frisch „geborene“ Wachs mit ihren Mandibeln (=Mundwerkzeugen) und fügt ihm Saft aus der Mandibeldrüse zu. Vier Minuten ungefähr braucht eine Biene zur Bearbeitung eines Wachsschüppchens. Solcherart bearbeitet, reicht sie den Wachsknet an ihre Kolleginnen weiter, die an den Wabenbaustellen in Ketten hängen.

In Ketten hängend und gemeinsam an einer Wabe bauend. So formiert sich ein Bautrupp aus Bienen im dunklen Inneren einer Beute. Welche Funktion die Bauketten der Bienen haben, erschließt sich uns bis heute nicht.

Die Bienen kleben die ersten Wachsklümpchen oben an den Beginn ihrer Wabenstruktur, bevorzugt an Stellen, wo schon Wachs zu finden ist. Daher die Ansatzstreifen aus Wachs, die der Imker oben in ein Rähmchen appliziert und die den Bienen als Ausgangspunkt für ihr Bauen dienen.

Exakte Architektur von Waben und Zellen

Gebaut wird immer von oben nach unten: Exakt senkrecht entstehen Waben, die exakt parallel zueinander hängen. Die einzelnen sechseckigen Zellen, die in ihrer Gesamtheit eine Wabe ausmachen, sind nicht exakt waagrecht, sondern etwas abfallend zum Zellboden hin. So lassen sich später Honig und Brut gut in ihnen lagern ohne herauszufließen oder zu fallen. Ihre Schweresinnesorgane (Sinneshaarpolster an den Gelenken) helfen den Bienen bei ihren Bautätigkeiten. Denn im Dunkeln ihrer Behausung hilft ihnen ihr Augenlicht beim Ausmessen und Errichten der Zellen und Waben nicht weiter.

Wundersamerweise hilft den Bienen beim Bauen ebenfalls die Ausrichtung an den Feldlinien des Erdmagnetfeldes. Mit Sinnesorganen, die wir nicht kennen, nehmen sie diese wahr. Ist es nicht ein unfassbares Zusammenspiel zwischen dem kleinen Organismus eines Insektes und den mächtigen Energieeigenschaften unserer Erde? Der Naturwabenbau der Bienen ist ein Beispiel wie eingebunden wir in die großen, mysteriösen Zusammenhänge des Universums sind.

Die bienentypische sechseckige Form einer einzelnen Zelle entsteht nicht durch die akribischen Bemessungen mathematisch talentierter Baubienen. Hier wirken die Eigenschaften des Materiales „Wachs“. Die als schmale Röhren gebauten Zellen werden von Innen durch die Bienen auf bis zu 40 Grad Celsius beheizt. Infolgedessen schmilzt die Wachsröhre in ein Sechseck mit einem ebenen Zellboden. Die Zellen der beiden Seiten einer Wabe teilen sich diesen dünnen Boden.

Optimale Geometrie des Phänomens Honigbiene

Jürgen Tautz schreibt in seinem Buch „Phänomen Honigbiene“: „Mathematiker haben immer wieder und mit jeweils neuen Methoden immer überzeugender berechnet, dass die Geometrie der Bienenwabe die optimale Lösung darstellt, wenn mit möglichst wenig Wachs möglichst viel Raumvolumen umbaut werden soll.“

Sein Buch kann ich jedem sehr empfehlen. Wer sich für die Biene und ihre Lebensart interessiert, darf dort auf verständliche Weise über den Bien lesen. Angereichert ist das Werk mit vielen, großen, detailreichen Aufnahmen von Bienen, Wachs und Brut. Jürgen Tautz ist einer der weltweit führenden Bienenwissenschaftler und leitet unter anderem das Projekt HOneyBee Online Studies (HOBOS).

Es gäbe noch so viel zu schreiben über das Wachs und die Waben und das Bauen der Bienenräume. Und es bleiben viele offene Fragen:

„Nichtsdestoweniger gräbt keine Biene der Vorderseite ein Loch oder klebt ein Wachsstück an, das nicht einer Aus- oder Einbuchtung auf der anderen Seite entspräche, und umgekehrt. Wie fangen sie das an? Wie kommt es, dass die eine nicht zu tief und die andere nicht zu flach gräbt? Wie kommt es, dass alle Winkel der Rhomben stets so wunderbar zusammentreffen? Wer sagt ihnen, hier anzufangen und dort aufzuhören? Wir müssen uns wieder einmal mit der Antwort begnügen, die keine Antwort ist: Es ist ein Mysterium des Bienenstocks.“

Maurice Maeterlinck

Werden wir dieses Jahr Bienenwachs-Kerzen ziehen, der lieblichste Drohn und ich? Gerstmeier und Miltenberger schlagen dies in ihrem Buch als Achtsamkeitspraxis für Kinder vor. Als Möglichkeit, auf eine sinnliche und daher intensive Art in Berührung zu kommen mit dem Wunderbaustoff „Wachs“.

Ich glaube, dass wir uns manche alten und schon fast vergessenen Alltagshandlungen, Traditionen und Erzeugnisse wieder zurückholen müssten in unsere schnelle und schnelllebige Zeit und in unsere komplexen Lebensumstände. Um auf einfache und deshalb wohltuende Weise das Wunder des Lebens zu erfahren, uns lebendig zu fühlen, auf stille Art, und unseren Platz als Mensch wieder bescheidener unter allem Lebendigen einzunehmen.

Um Bienenwachskerzen wieder als Geschenk von Licht und Wärme wahrzunehmen:

„Das besonders milde, weiche, gelbliche Licht einer Bienenwachskerze lässt sich kaum mit einem anderen menschlich geschaffenen Licht vergleichen. Es flackert wenig und das Bienenwachs hat eine längere Brenndauer als Parafin. Wie lässt sich dieses Licht erklären? Warum ist dieses bei der Bienenwachskerze so besonders? Bedenkt man den Prozess, durch den das Wachs gegangen ist, kann man sich die Kraft, die in dieser Kerze steckt, vielleicht ansatzweise vorstellen. Tausende Bienen sammelten Nektar, produzierten Honig, schwitzten Wachs, bauten Waben. Im Wachs ist die Geschichte eines ganzen Biens zu lesen. Hier wurden Bienen gebrütet, Nahrung und Honig gelagert. Vielleicht ist es diese besondere Kraft des Biens, die im Licht und der Wärme, die die Kerze abgibt, zu sehen und zu spüren ist.“

Gerstmeier/Miltenberger

Der Autor

Ich bin Hobbyimkerin seit 2015. Meine Bienenvölker stehen in Berlin-Mitte, drei an der Zahl. Ab 2018 beschreite ich freudig und gespannt den Weg des bienengemäßen Imkerns.

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