Warum Naturwaben unabdingbar sind

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Demeter / Naturwaben / Wabenbau / Wachs
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Wie haben wir die Sonne vermisst. Wir – Bienen und Berliner. Zwischen dem 17. und 20. April folgte ein sommerlicher Tag dem nächsten mit Temperaturen bis 27 Grad Celsius.

Augenblicklich ist die Stimmung hell. Das Dasein leicht. Die Tage voller Hoffnung und Versprechen. Als hätte es die grau-dunklen Berliner Herbst- und Wintermonate nie gegeben. Die Bienen fliegen in die Blüten – und einem Honigsommer entgegen.

Blick ins Volk

Gleich zweimal öffnete ich die Bienenbeuten diese Woche. „Das ist Blödsinn“ wie mein kleiner Imkerassistent und lieblichster Drohn aller Drohnen sagen würde. Meine Völker lebten die letzten beiden Jahre entspannt und fast sorgenfrei. Meine sparsamen Blicke in die Völker garantierten maximale Autonomie und minimalen Stress. Und nun das.

Honigverluste durch imkerliche Eingriffe

Der Übergang zum bienengemäßen Imkern führt zu neugierigen Kontrollbesuchen bei meinen Bienen. Nicht zu empfehlen. Denn, so führt Friedmann aus, „jeder imkerliche Eingriff  ist eine Störung und kostet die Bienen Energie in Form von Honig“. Es herrschen Verwirrung und Angstzustände im Stock ob der Allmacht eines Imkers, der von oben in die Gemächer vordringt. Im Nu verleiben sich die Bienen Honig ein, wenn Rauch beim Einsatz eines Smokers einen Waldbrand simuliert und so ihr Fluchtverhalten (mit möglichst vielen Honigvorräten in den Mägen) stimuliert. Friedmann errechnet übers Jahr verteilt einen Honigverlust von mindestens 10 kg pro Volk, hervorgerufen durch die Besuche des Imkers.

Bienengemäß imkern bedeutet: Naturwabenbau

bienengemäß imkern, Wabentausch, NaturwabenbauDie Bemühungen, den Naturwabenbau meiner drei Völker in Gang zu bringen, veranlassen mich nun jedoch zu mindestens wöchentlichen Stippvisiten. Denn eines steht uns nun bevor, mir und den dreien: Die derzeitigen Waben im Brutraum müssen raus. Peu à peu sollen sie durch von den Bienen komplett selbst gebaute, aus ureigenem Wachs hergestellte Waben ersetzt werden. Eines der prominentesten Merkmale der bienengemäßen Imkerei ist der Naturwabenbau.

Das Unterfangen Naturwabenbau erscheint mir wie eine Mammutaufgabe. Nicht nur müssen die alten, auf Mittelwänden basierenden Waben im Brutraum entfernt und durch ausschließlich volkseigene ersetzt werden. Nein, auch einen eigenen Wachskreislauf werde ich meiner kleinen Imkerei einrichten müssen. Eine Sache, vor der bis jetzt zurückschreckte. Nun gibt es kein zurück mehr.

Die Mittelwand: tödlicher Bumerang

Es ist seltsam, wie so vieles, was sich der Mensch als Erleichterung und mit der Absicht Effizienz und Effektivität zu steigern erdacht und konstruiert hat, als schmerzhafter Bumerang zurückkehrt. So auch die Mittelwand.

Mittelwände, Brutraum, Dadant, imkern in BerlinBis vor kurzem waren Mittelwände aus einer konventionellen Imkerei nicht wegzudenken. Die dünnen Wachsplatten, die in Rähmchen eingelötet die Wabenbauzeit der Bienen drastisch verkürzen, werden sowohl im Brutraum als auch im Honigraum eingesetzt. Die so eingesparte Bauzeit können die Arbeiterinnen zur Honigproduktion nutzen – Mittelwände führen also zu höheren Honigerträgen.

Mittelwände mit ihrem vorgestanzten Zellformat einer Arbeiterinnenzelle motivieren die Bienen dazu selbige hochzuziehen und auszubauen anstatt selbst kreativ Drohnenzellen zu erschaffen. Das Brutnest produktiver Bienen wird so groß und systematisch angelegt, während das Nest der faulen, frechen und nur einmalig zu Begattungszwecken nützlichen Drohnen auf einem einzigen Drohnenrähmchen klein gehalten wird. Gleichzeitig hält ein Imker so die Varroa-Milbe in Schach, die es liebt, sich in Drohnenbrut zu vermehren.

Mittelwände, Honigraum, Dadant, imkern in BerlinMittelwände kann die fleißige Imkerin selbst produzieren, aus dem Wachs der eigenen Bienen. Die meisten Hobbyimker mit kleiner Völkeranzahl kaufen sich jedoch Mittelwände im Fachhandel. Denn die eigene Wachsmenge, die pro Bienenjahr anfällt, ist bei wenigen Völkern zu gering, um eine nennenswerte Anzahl an Mittelwänden mühevoll selbst zu produzieren.

Furchtbar also, wenn die im Handel erworbenen Mittelwände mit Giftstoffen kontaminiert sind und so plötzlich keine imkerliche Hilfe mehr sind, sondern zum tödlichen Bumerang werden. 2016 war das Jahr, in dem Imker gravierende Völkerverluste hinnehmen mussten: Ihre Bienen wurden durch den Einsatz von „Mittelwänden“ regelrecht von innen vergiftet. Der Wabenbau in der Beute, basierend auf Mittelwänden aus gepantschtem Wachs, ließ die Völker schleichend eingehen. Wachsproben wiesen Pestizide, Stearin und Paraffin in den Mittelwänden nach.

Spätestens seit dem Wachsskandal der Mittelwände beschäftigen sich nun auch Imker, die nicht per se bienengemäß imkern, mit der Möglichkeit, Naturwabenbau in den Beuten ihrer Völker zu fördern.

Naturwabenbau als Teil des Superorganismus

Lange vor dem Vergiftungsskandal der Mittelwände bedeutete bienengemäßes imkern, auf die Mittelwand zu verzichten und den Bien bauen zu lassen. Zum einen ist der wächserne Bau der Bienen ein Teil ihrer selbst, denn das Wachs entstammt aus ihren Körpern (dazu später mehr). Die Bienenwaben sind also mehr als nur ein Wohnhort oder Nest. Sie sind Teil des Volkes und machen mit den eigentlichen Tieren den Superorganismus „Bien“ aus. Wäre es seltsam,  die Waben als „Volkskörper“ zu bezeichnen?

Zum anderen geht es bei der Wachsstruktur nicht nur um das Ergebnis, sondern auch um den Bauprozess selbst. Dieser wirkt volksverbindend und stiftet Identität und damit Zusammenhalt zwischen den Tieren. Friedmann schreibt: „Das Bienenwachs entsteht nicht nur im Inneren der Bienen selbst, es dient auch dem Werden und Wachsen des Bienenvolkes.“ Es ist ein Gemeinschaftswerk und „jeder Wabenbau verkörpert – im wahrsten Sinne des Wortes – die Geschichte des jeweiligen Bienenvolkes. Jedes Volk „schreibt“ mit seinem Wabenbau seine eigene Biografie.“

Funktionen des Wabenbaus im Bienenvolk

Naturwabenbau, bienengemäß imkern, imkern in BerlinWelche Funktionen haben die Waben nun, abgesehen davon, dass sie der Körper sind, auf dem eine Biene ungefähr 90% ihrer Lebenszeit verbringt? Offensichtlich sind die Wabenzellen Lagerort für Honig und Pollen. In ihnen wird außerdem die Brut herangezogen.

Der Wabenbau wird von den Bienen mit Propolis (=Kittharz) überzogen, das antibiotische, antivirale und antimykotische Wirkung hat. So wird er zu einem Teil des „Immunsystems“ der Bienen.

Das bieneneigene Wachs macht den individuellen Stockgeruch eines Volkes aus. Unglaublicherweise sind die Körper der Bienen mit einer dünnen Wachsschicht überzogen. Jedes Tier trägt so den Stockgeruch an sich und ist für seine Schwestern und Brüder als Teil des eigenen Volkes erkennbar. Noch viel unglaublicher ist, dass anhand der Wachsstruktur auf den Panzern Voll- und Halbgeschwister unter den Bienen zu erkennen sind.

Die Wabenfläche dient als Kommunikationsboden: Bestimmte Bereiche auf den Waben werden jeden Tag chemisch neu definiert. So ist ein bestimmter Bereich auf den Waben der „Tanzboden“, auf dem die Bienen die Trachtlage tanzen und kommunzieren. Durch die Schwingungen der Wabenfläche beim Tanzen werden die Informationen im Stock weitergegeben.

Über den Wabenbau funktioniert die Wärmeregulation im Bienenstock, die eine zentrale Bedeutung für die Brutentwicklung, die Honigproduktion und das Überwintern des Volkes hat.

Naturwabenbau als Basiselement einer bienengemäßen Imkerei

An dieser Stelle zitiere ich noch einmal ausführlich, da hier der Naturwabenbau und die Haltung, die das bienengemäße Imkern anleitet, so treffend zusammengefasst werden:

„In der bienengemäßen Imkerei gilt das natürliche Leben des Bienenvolkes als Vorbild und Maßstab für das imkerliche Handeln – aus der Überzeugung heraus, das alles, was diesen natürlichen Abläufen zuwiderläuft, sie blockiert oder ganz verhindert, Stress verursacht und den Organismus schwächt. So wie sich an einen menschlichen Körper nicht ohne Weiteres fremde Arme, Beine oder Organe montieren lassen, kann man in das Bienenvolk nicht problemlos Wachs aus fremden Bienenvölkern einsetzen. Das Bienenvolk muss sich seinen Körper selbst erschaffen, wie es seiner Natur entspricht. Ansonsten kommt etwas anderes dabei heraus oder die Lebensprozesse des Organismus funktionieren ungenügend. Der Prozess, wie der Wabenbau entsteht, ist entscheidend für die Art und Weise, wie das Bienenvolk leben kann. Und ein selbstbestimmt und aus sich selbst heraus entwickelter, individueller Wabenbau ermöglicht den Honigbienen eine von äußeren Bedingungen weitgehend unabhängige, natürliche Lebensweise. Ähnlich wie die natürliche Vermehrung über den Schwarmprozess den Honigbienen ein Überleben über Jahrmillionen hinweg ermöglicht hat, gilt der Naturwabenbau als Bestandteil des Superorganismus und stellt deswegen ein wesentliches Basiselement einer bienengemäßen Imkerei dar“.

Günter Friedmann

Eine Woche Naturwabenbau: Zwischenstand

Demeter imkern, Anfangsstreifen aus Demeter-WachsMein vitales Volk baute innerhalb einer Woche ein Brutraumrähmchen aus, flugs bestiftete seine Königin die ersten entstandenen Wabenzellen und schon elf Tage nach Zugabe des Rähmchens und seines Anfangsstreifens blinkte mir aus der Naturwabe ein verdeckeltes Brutnest entgegen. Enthusiastisch hängte ich ihnen ein weiteres auszubauendes Rähmchen mit Anfangsstreifen aus Demeter-Wachs hinein, außerdem ein Drohnenrähmchen.

Demeter imkern, Anfangsstreifen für Brutraumrähmchen aus Demeter-WachsAbzuwarten bleibt für mich, ob ein Volk, das sich dem Naturwabenbau verschrieben hat, überhaupt ein Drohnenrähmchen im herkömmlichen Sinne ausbaut. Werden nach wie vor Drohnenzellen konzentriert innerhalb eines Rähmchens (im so genannten Drohnenrähmchen) erstellt? Oder werden die Drohnenzellen an irgendeiner Stelle innerhalb der Naturwaben platziert, nun, da kein Zellenmaß durch eine Mittelwand vorgegeben ist?

Mein alteingesessenes Volk sperrt sich gegen den Ausbau des zugegebenen Rähmchens. Obwohl es dieselbe Volksstärke besitzt wie das danebenstehende vitale Volk, legt es ein völlig anderes Bauverhalten an den Tag. Nämlich gar keines.

Demeter imkern, Brutraumrähmchen mit Anfangsstreifen aus Demeter-WachsDie Barbies vergrößern tapfer ihr Brutnest, das sich nun immerhin flächig auf zwei Brutwaben erstreckt. Ob sie die Kapazitäten haben, ein Rähmchen auszubauen? Ich bezweifle es. Trotzdem werden auch sie mit einem Brutraumrähmchen cum Anfangsstreifen bestückt.

Sukzessiver Umbau des Brutraumes

Glücklicherweise erlauben die Demeter-Richtlinien einen sukzessiven Wechsel der bestehenden Waben zum reinen Naturwabenbau im Brutraum. Mindestens 30% der Waben aus Mittelwänden sollen im ersten Jahr der Umstellung durch Naturwaben ersetzt sein. Das gibt meinem alteingesessenen Bien und den Barbies noch etwas zeitlichen Spielraum.

Der Brutraum ist der Ort aller Lebensprozesse eines Bienenvolkes. Dort muss das Wachswerk natürlich gebaut werden. Im Honigraum sind Mittelwände (aus dem eigenen, reinen Wachskreislauf) laut Demeter erlaubt. Wie ich mit meinen schön ausgebauten Honigraumwaben auf der Grundlage von Mittelwänden aus Bio, aber nicht Demeter, umgehen werde, bleibt zu überdenken.

Eigenes Wachs – unbezahlbar

Wachs, Naturwabenbau, bienengemäß imkernIch stelle mich und alle Honigzargen und Rähmchen in die Sonne und entferne Wachsüber und -anbau vom Vorjahr. Sorgsam gilt es nun, dieses Wachs zu sammeln, denn es ist das „Kleingeld des Imkers“. In Zeiten kontaminierter Mittelwände und meiner Abkehr von der konventionellen hin zur bienengemäßen Imkerei ist Wachs nicht mehr nur Kleingeld, sondern unbezahlbar. In den nächsten Monaten werde ich mir Anfangsstreifen und Mittelwände für Honigrähmchen aus dem Wachs der Naturwaben meiner Bienen und dem Entdeckelungswachs basteln.

Regen ist angekündigt. Diese Woche sinken unsere Sommertemperaturen. Der Nektareintrag wird sich verringern. Werden meine Bienen stattdessen fleißig an ihren Waben bauen?

Der Autor

Ich bin Hobbyimkerin seit 2015. Meine Bienenvölker stehen in Berlin-Mitte, drei an der Zahl. Ab 2018 beschreite ich freudig und gespannt den Weg des bienengemäßen Imkerns.

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